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Joseph Daniel von Huber: Vogelschauansicht von Prag, 1769

07.11.2016 Forschungsblog
Karten

Autorinnen: Helga Hühnel und Elisabeth Zeilinger 

Im Juni 2016 wurde u.a. eine kartographische Rarität aus den Beständen der Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in das Österreichische Memory of the World Register (Memory of Austria) aufgenommen:

Joseph Daniel von Huber: Vogelschauansicht von Prag, 1769
"Wahre Laage / Der Königlichen Haubt und Residentz statt Prag des Königreich Böheimb in Orthographischen / Aufzug von Osten bisz Westen anzusehen, worinnen nach gegenwärtiger Orientirung alle Kirchen, Residentzen, Klöster, Stieftungen, Palläste, Gebäude, / Stockwercke, alle grosse und kleine benannte oder meistens unbenannte Gassen, grosse und kleine Plätze oder Ringe genant, Insuln, Mühlen, Brünnen, Flüssen, / Gräben, gemeine Durch Häuser, Stiegen, Gärten, Strassen, Fälder, Höhen, Berge, wie auch Weingebürge, hin und wieder beobachtete Kleinigkeiten angemerket (...) aufgenommen u: gezeichnet im Jahr 1769. Josepus Daniel / v Huber Obrist / Wacht: v: Grossen / General feld. Staab". 1 : 1.440, WNW-orientiert.
Kolorierte Federzeichnung auf Papier, 12 Teile unterschiedlicher Größe, insgesamt 224 x 239 cm. (Prag) 1769. ÖNB Kartensammlung, Signatur: K II 92

Joseph Daniel von Huber: Vogelschauansicht von Prag, 1769, Ausschnitt mit der Altstadt von Prag mit der Karlsbrücke, dem Clementinum, dem Altstädter Ring und der Josefsstadt, dem ehemaligen jüdischen. Signatur: ÖNB/KAR: K II 92
Joseph Daniel von Huber: Vogelschauansicht von Prag, 1769, Ausschnitt mit der Altstadt von Prag mit der Karlsbrücke, dem Clementinum, dem Altstädter Ring und der Josefsstadt, dem ehemaligen jüdischen.
Signatur: ÖNB/KAR: K II 92

Joseph Daniel von Huber (1730/31-1788) wurde durch seinen in Kupferstich veröffentlichten 24teiligen Vogelschauplan von Wien und den Wiener Vorstädten zu einem Begriff in der österreichischen Kartographiegeschichte.

Sein Lebensweg ist in Grundzügen durchaus für die österreichischen Militärkartographen im 18. Jahrhundert exemplarisch: Nach einer Ausbildung an der vom k. k. Hofmathematiker und niederösterreichischen Landingenieur Johann Jacob Marinoni (1676-1755) geleiteten Militär-Ingenieur-Akademie in Wien wurde Huber in das kaiserliche Heer übernommen und als Militärtopograph (Dessineur) im Siebenjährigen Krieg eingesetzt. Er wurde als Offizier dem neugegründeten Generalstab eingegliedert, geriet bei Aufklärungsarbeiten in preußische Kriegsgefangenschaft und nahm nach seiner Auswechselung an großräumigen topographischen Aufnahmen in Schlesien teil. Nach Beendigung des Krieges verblieb Huber im zwar personell stark reduzierten, erstmalig aber als Institution auch in Friedenszeiten beibehaltenen Generalstab und wurde später im Rahmen der "Josephinischen Landesaufnahme" in Böhmen und Mähren eingesetzt.

Im April 1769 legte Huber Kaiserin Maria Theresia einen mehr als fünf Quadratmeter großen perspektivischen Plan der Stadt Prag vor.
Wie er dazu schrieb, hatte er diesen in seiner Freizeit und auf eigene Kosten auf der Grundlage eines ebenfalls von ihm angefertigten Grundrissplanes gezeichnet. Es handelt sich um eine technisch konstruierte Darstellung in Militärperspektive - d.h. die Höhen der Bauwerke sind senkrecht nach oben und proportional zu ihrer wahren Länge über dem nicht verzerrten Grundriss abgetragen. Das Ganze wird schräg von oben betrachtet, wobei der Blickpunkt im Unendlichen liegt - die Sehstrahlen somit parallel verlaufen. Diese Konstruktion der Darstellung mit Hilfe mehrerer, auf einer gedachten Linie angeordneter Betrachtungspunkte wird als spezielle Form der Parallelperspektive auf die waagerechte Bildebene auch Orthogonalprojektion genannt. Fernab künstlerischer Intuition aber auch photographischer Realitätsauffassung ermöglicht diese Darstellungsform einen Realismus, der trotz Überdeckungen bestimmter Bereiche die Atmosphäre und das Prinzip "Stadt" ideal repräsentiert.

Von Hubers Gesamtdarstellung Prags kann hier nur ein Ausschnitt der schönsten und bedeutendsten Teile der Altstadt (mit der Karlsbrücke, dem Clementinum und dem Altstädter Ring und der Josefsstadt, dem ehemaligen jüdischen Ghetto) gezeigt werden. Die Feinheit der Federzeichnung wirkt routiniert. Aber Hubers Werk ist nicht nur eine geometrische Konstruktion. Das von links einfallende Licht wirft starke Schatten, die Plastizität zur Folge haben. Die Gassen und Plätze der Stadt sind durch Fußgeher, Reiter, fahrende Kutschen und paradierendes Militär bevölkert. Auf der Moldau sind Flöße und Schiffe erkennbar.

Hubers Vogelschauansicht enthält neben umfangreichen Beschriftungen eine Zahlen- und Buchstabenlegende, in der 100 Positionen aufgeführt sind. Diese sind in der Zeichnung durch rote Buchstaben und Zahlen markiert; das jüdische Ghetto ist gelb umrahmt. Die Gassen der Stadt sind, soweit die Breite derselben dies zuließ, ebenso wie zahlreiche Gebäude, benannt. Die Nomenklatur ist trotz kleinerer Ungenauigkeiten verlässlich. Die Zeichnung ist derart genau, dass sogar Ziergiebel von Gebäudefassaden dargestellt sind. Die erst 1912 in ihrer Bedeutung erkannte Ansicht der barocken Stadt stellt mit Sicherheit die attraktivste und detaillierteste Gesamtdarstellung Prags aus dem 18. Jahrhundert dar.

Huber wollte sein Werk in Kupferstich veröffentlichen und suchte diesbezüglich bei der Kaiserin um ein Druckprivileg an, das ihm aber unter Hinweis auf militärische Geheimhaltungserwägungen versagt wurde. Maria Theresia, von der Qualität und der Einzigartigkeit des vorgelegten Werkes offensichtlich beeindruckt, kaufte Huber dasselbe jedoch aus ihrer Privatkasse ab und ließ es in der Hofbibliothek aufbewahren. Darüber hinaus beauftragte sie ihn, sogleich mit der Anfertigung einer ebensolchen Ansicht von Wien zu beginnen. Mit diesem, heute zu den Schätzen der Graphischen Sammlung Albertina in Wien gehörenden Federzeichnung, die wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung in Kupferstich veröffentlicht wurde, konnte sich Huber endgültig in die bedeutenden, das hohe Niveau der österreichischen Kartographie mitbestimmenden Militärkartographen einreihen, auch wenn ihm sein Werk zu Lebzeiten wenig Ruhm und noch weniger finanziellen Vorteil einbrachte.

1992 erfolgte eine aufwendige Restaurierung und Konservierung durch den damals im Institut für Restaurierung der ÖNB beschäftigten akademischen Restaurator Mag. Max Krauss.[1]

 

Literatur:

Hofman, Jan (1944): Obraz barockni Prahy. Plán Josepha Daniela Hubera 1769, Praha: Grafia

Mokre, Jan (1990): Joseph Daniel von Huber. Leben und Werk eines österreichischen Militärkartographen des 18. Jahrhunderts, basierend auf Forschungen in Wiener Archiven und Sammlungen. Diplomarbeit, Universität Wien.

Mokre, Jan (1995): Joseph Daniel von Huber: Vogelschauansicht von Prag, 1769, in: Franz Wawrik (Hrsg.), Kartographische Zimelien, Wien: Holzhausen, S.130f.


[1] Der Bericht über die Restaurierung befindet sich im Archiv der Kartensammlung der ÖNB.

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